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Deutsche Meisterschaften der Gehörlosen in Berlin

Der Förderverein der Gehörlosen der neuen Bundesländer e.V. war am 9. und 10. Mai Gastgeber der Deutschen Blitzmeisterschaften im Einzel und der Mannschaft der Sparte Schach des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes (DGS).


Kulturbrauerei: Rund 100 Jahre wurde hier bis 1967 Bier gebraut 

Der Förderverein hat seine Heimstätte in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg im Gebäude des frannz-Clubs, der sich dort seit 2004 als Nachfolger der sieben Jahre zuvor geschlossenen legendären Ostberliner Diskothek Franz-Club etablieren möchte.

In diesem geschichtsträchtigen Ambiente hat sich der Förderverein niedergelassen. Bis 1967 wurde hier Bier gebraut, danach der Betrieb wegen der marode gewordenen Anlagen eingestellt. Danach wurde das Brauereigelände unter anderem für einen Möbelgroßmarkt genutzt – und ab 1970 auch für den Jugendclub Erich Franz. Nach der Wende 1990 begann die kulturelle Belebung und die Instandsetzung der Gebäude.

Sergej Salow holt den zehnten Titel in Folge


Sergej Salow

Von den Deutschen Meisterschaften des DGS erfuhr ich erst einen Tag vorher aus der Zeitung. Im Sportteil der Berliner Zeitung war wie jeden Freitag der Terminkalender für das Wochenende abgedruckt. Dort stolperte ich über das Wörtchen „Schach“.
Da ich Zeit hatte und die Kulturbrauerei um die Ecke liegt, war ich an beiden Tagen während der ganzen Zeit anwesend, um viel Bild- und Tonmaterial auf der Speicherkarte meiner Kamera zu sichern.

Diese zwei Tage waren für mich eine ganz neue Erfahrung. Von der Gebärdensprache habe ich keine Ahnung und so konnte ich den Berliner Organisatoren, die mich freudig begrüßten, nur die Hand schütteln. Als mein Name bei der Eröffnung erwähnt wurde, applaudierten die Anwesenden.

Was mir danach auffiel: Es ist erstaunlich ruhig in den Spielpausen. Während bei Turnieren mit normalhörenden Teilnehmern der Dezibelwert dramatisch in die Höhe schnellt und die Schiedsrichter zur Ruhe ermahnen müssen, hätte man hier eine Stecknadel fallen hören können. Na gut, vielleicht auch etwas übertrieben. So gut höre ich ja auch nicht. Meine Mutter hat das jedenfalls früher behauptet…

Ein gleichbleibener Geräuschpegel, egal ob gespielt wurde oder nicht. Gelegentlich sprach mich auch ein Zuschauer ziemlich laut während der laufenden Runde an. Niemand beschwerte sich, kein Spieler und kein Schiedsrichter!

Nun aber endlich zum Turnier.

Am Sonnabend fanden die Einzelmeisterschaften statt und am Sonntag die Mannschaftsmeisterschaften. Im Einzel dominiert seit mittlerweile 2006 Sergej Salow. Seinen zehnten Titel in Folge errang er sehr souverän. Am Tag darauf führte er auch seinen neuen Verein Halle/Saale zum ersten Titel in der Mannschaftsmeisterschaft.


Rainer Hoffmann

Eine besondere Episode trug sich genau in dieser Mannschaftsmeisterschaft zu. Der Beginn der ersten Runde war laut Ausschreibung mit 9.30 Uhr angegeben. Einige Teilnehmer glaubten an 10 Uhr, der Turnierleiter setzte um 9.50 Uhr die Uhren in Gang. Trotzdem eine Mannschaft fehlte:

Dresden ließ Hamburg warten und setzte sich erst „pünktlich“ um 10 Uhr an die Bretter.

Wenige Minuten waren gespielt, als sich der Schiedsrichter auf den Tisch des für Dresden spielenden Berliners Rainer Hoffmann stützte und ihn wortlos anblickte. Nach einigen Augenblicken hielt Hoffmann die Uhr an und baute die Figuren in der Grundstellung auf. ‚Dresden hat wegen zu späten Wettkampfbeginns also 0:4 verloren‘ dachte ich, wunderte mich aber, daß die anderen drei Bretter weiterspielten. Das wollte ich jetzt aber genauer wissen und sprach Hoffmann an. Statt einer Antwort, drehte er sich um, ging zu seiner Tasche zurück, setzte sich das Hörgerät ein und bat mich in den Vorraum.

Hoffmann sinngemäß: „Hörgeräte sind bei Gehörlosenturnieren verboten und führen zum Partieverlust. Ich hatte mein Hörgerät zu Beginn der Partie leider noch im Ohr. Es jetzt noch abzulegen, hätte sofort zum Partieverlust geführt. Also spielte ich weiter. Ein Zuschauer sah allerdings mein Hörgerät und meldete es dem Schiedsrichter.“


Zum ersten Mal Deutscher Meister: GSBV Halle

Deutsche Einzelmeisterschaft im Blitzschach

Meisterklasse

Pl.

Name

DWZ

Verein

Pkt.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

1

2

1. IM Sergej Salow 2197 GSBV Halle/S. 9,5 x 1 0 ½ 1 1 1 1 1 1 1 1
2. Ingo Israel 1735 Berliner GSV 7,5 0 x 1 0 1 1 ½ ½ ½ 1 1 1
3. Adem Besirevic 1713 GSC Wetzlar 7,0 1 0 x 1 1 1 0 1 0 0 1 1
3. Dieter Jentsch 2030 GSBV Halle/S. 7,0 ½ 1 0 x 0 1 ½ 1 1 1 0 1
5. André Heidenreich 1749 Berliner GSV 6,0 0 0 0 1 x 0 0 1 1 1 1 1
6. Rainer Hoffmann 1964 Dresdner GSV 6,0 0 0 0 0 1 x 0 1 1 1 1 1
7. Alois Kwasny 1993 Hamburger GSV 5,5 0 ½ 1 ½ 1 1 x ½ ½ 0 0 ½
8. Jürgen Rahn 1628 Hamburger GSV 5,0 0 ½ 0 0 0 0 ½ x 1 1 1 1
9. Holger Mende 1721 GSBV Halle/S. 4,5 0 ½ 1 0 0 0 ½ 0 x 1 1 ½
10. Sascha Bernwald 1562 GSBV Halle/S. 3,5 0 0 1 0 0 0 1 0 0 x 1 ½
11. Dr. Ingo Barth 1718 GSBV Halle/S. 3,0 0 0 0 1 0 0 1 0 0 0 x 1
12. Jürgen Heidenreich 1475 Berliner GSV 1,5 0 0 0 0 0 0 ½ 0 ½ ½ 0 x

Besirevic startete außer Konkurrenz

A-Finale

Pl.

Name

DWZ

Verein

Pkt.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

1

2

3

4

5

6

1. Olaf Hoyer 1825 Hamburger GSV 13,5 x ½ ½ 1 1 ½ 1 1 1 1 1 1 1 1 1 +
2. Stefan Krause 1719 Dresdner GSV 12,5 ½ x 1 ½ 1 1 ½ 1 1 0 1 1 1 1 1 +
3. Annegret Mucha 2000 Dresdner GSV 12,5 ½ 0 x 1 1 1 1 1 1 1 1 0 1 1 1 +
4. Wolfgang Jähnert 1592 GSC Wetzlar 11,0 0 ½ 0 x ½ 0 1 1 1 1 1 1 1 1 1 +
5. Alfons Hilger 1540 GSC Wetzlar 10,5 0 0 0 ½ x 1 1 1 1 0 1 1 1 1 1 +
6. Dr. Wolfgang Kössler 1761 Dresdner GSV 10,0 ½ 0 0 1 0 x 0 ½ 1 1 1 1 1 1 1 +
7. Dr. Karl-Heinz Usbeck Dresdner GSV 9,0 0 ½ 0 0 0 1 x 1 0 1 ½ 1 1 1 1 +
8. Karl-Heinz Kleemann 1623 GSBV Halle/S. 7,5 0 0 0 0 0 ½ 0 x 1 1 1 ½ ½ 1 1 1
9. Peter Wachter 1091 GSC Wetzlar 7,5 0 0 0 0 0 0 1 0 x 1 1 ½ 1 1 1 +
10. Martin Manasek 1339 GSC Wetzlar 7,0 0 1 0 0 1 0 0 0 0 x 0 1 1 1 1 +
11. Volker Paul 1357 Berliner GSV 6,5 0 0 0 0 0 0 ½ 0 0 1 x 1 1 1 1 +
12. Dietrich Metzner 1279 Berliner GSV 5,0 0 0 1 0 0 0 0 ½ ½ 0 0 x 0 1 1 +
13. Martin Thunert 1532 GSFV Sangerhausen 4,5 0 0 0 0 0 0 0 ½ 0 0 0 1 x 1 1 +
14. Peter Zehlicker GSC Wetzlar 2,0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 x 1 +
15. Felix Dunke Berliner GSV 1,0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 x +
16. Axel Hoyer 1231 Hamburger GSV 0,0 0 x

Vorrundengruppe A

Pl.

Name

DWZ

Verein

Pkt.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

1. IM Sergej Salow 2197 GSBV Halle/S. 9,0 x 1 1 1 1 1 1 1 1 1
2. André Heidenreich 1749 Berliner GSV 7,0 0 x 1 1 1 1 1 1 0 1
3. Holger Mende 1721 GSBV Halle/S. 6,5 0 0 x ½ 1 1 1 1 1 1
4. Jürgen Rahn 1628 Hamburger GSV 5,0 0 0 ½ x 0 ½ 1 1 1 1
5. Dr. Wolfgang Kössler 1761 Dresdner GSV 5,0 0 0 0 1 x 1 0 1 1 1
6. Volker Paul 1357 Berliner GSV 4,0 0 0 0 ½ 0 x 1 ½ 1 1
7. Wolfgang Jähnert 1592 GSC Wetzlar 4,0 0 0 0 0 1 0 x 1 1 1
8. Axel Hoyer 1231 Hamburger GSV 2,5 0 0 0 0 0 ½ 0 x 1 1
9. Peter Zehlicker GSC Wetzlar 2,0 0 1 0 0 0 0 0 0 x 1
10. Felix Dunke Berliner GSV 0,0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 x

Vorrundengruppe B

Pl.

Name

DWZ

Verein

Pkt.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

1. Dieter Jentsch 2030 GSBV Halle/S. 8,5 x 1 ½ 1 1 1 1 1 1 1
2. Ingo Israel 1735 Berliner GSV 8,0 0 x 1 1 1 1 1 1 1 1
3. Adem Besirevic 1713 GSC Wetzlar 7,5 ½ 0 x 1 1 1 1 1 1 1
4. Sascha Bernwald 1562 GSBV Halle/S. 4,0 0 0 0 x 1 1 0 1 1 0
5. Dietrich Metzner 1279 Berliner GSV 4,0 0 0 0 0 x ½ 1 ½ 1 1
6. Stefan Krause 1719 Dresdner GSV 3,5 0 0 0 0 ½ x 1 1 1 0
7. Annegret Mucha 2000 Dresdner GSV 2,5 0 0 0 1 0 0 x 0 ½ 1
8. Martin Thunert 1532 GSFV Sangerhausen 2,5 0 0 0 0 ½ 0 1 x 0 1
9. Martin Manasek 1339 GSC Wetzlar 2,5 0 0 0 0 0 0 ½ 1 x 1
10. Olaf Hoyer 1825 Hamburger GSV 2,0 0 0 0 1 0 1 0 0 0 x

Vorrundengruppe C

Pl.

Name

DWZ

Verein

Pkt.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

1. Alois Kwasny 1993 Hamburger GSV 8,0 x ½ 1 1 1 ½ 1 1 1 1
2. Jürgen Heidenreich 1475 Berliner GSV 7,0 ½ x ½ 0 1 1 1 1 1 1
3. Dr. Ingo Barth 1718 GSBV Halle/S. 6,0 0 ½ x 1 0 ½ 1 1 1 1
4. Rainer Hoffmann 1964 Dresdner GSV 5,5 0 1 0 x 0 ½ 1 1 1 1
5. Karl-Heinz Kleemann 1623 GSBV Halle/S. 5,0 0 0 1 1 x 1 ½ ½ 1 0
6. Dr. Karl-Heinz Usbeck Dresdner GSV 3,5 ½ 0 ½ ½ 0 x ½ 0 ½ 1
7. Alfons Hilger 1540 GSC Wetzlar 3,5 0 0 0 0 ½ ½ x 1 1 ½
8. Arnold Bannmann 1433 Berliner GSV 2,5 0 0 0 0 ½ 1 0 x 0 1
9. Peter Wachter 1091 GSC Wetzlar 2,5 0 0 0 0 0 ½ 0 1 x 1
10. Horst Lorgie 1253 Berliner GSV 1,5 0 0 0 0 1 0 ½ 0 0 x

Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Blitzschach

Halle rüstete für das Mannschaftsturnier auf und setzte Artur Kevorkov (DWZ 2163, Lübecker SV) an das erste Brett. Zusammen mit IM Sergej Salow an Brett zwei waren die Hallenser damit praktisch unschlagbar geworden. Da beide alle ihre sechs Partien gewannen(!) waren schon mal die Hälfte der Mannschaftspunkte sicher. Da aber auch die beiden Kameraden an Brett drei und vier nicht von Pappe waren, wurde auch die andere Hälfte der Punkte eingefahren.

  1. Halle 1: Artur Kevorkov 6, IM Sergej Salow 6, Dieter Jentsch 5½, Holger Mende 4
  2. Dresden: Rainer Hoffmann 2½/5, Annegret Mucha 4½, Stefan Krause 3½, Wolfgang Kössler 4½/5, Karl-Heinz Usbeck 2/2
  3. Hamburg: Axel Hoyer 2, Olaf Hoyer 2½, Alois Kwansy 5, Jürgen Rahn 4½

Tabelle

Pl.

Mannschaft

MP

BP

1

2

3

4

5

6

7

1. GSBV Halle/S. 1 12:0 20,5 x 3 3 4 4 4
2. Dresdner GSV 8:4 17,0 x 4 4
3. Hamburger GSV 8:4 14,0 1 x 2 2 3
4. Berliner GSV 1 7:5 14,0 1 2 x 3 4
5. GSC Wetzlar 5:7 10,0 0 ½ 2 x
6. GSBV Halle/S. 2 2:10 6,5 0 0 ½ 1 x
7. Berliner GSV 2 0:12 2,0 0 0 1 0 ½ ½ x

 

 

@Quelle: Deutscher Schachbund e.V. und Foto von Frank Hoppe

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